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Gespräch mit einem T-Shirt

Von Daniela Zinser (Berliner Zeitung)

Irgendwann reden alle mit ihrem T-Shirt. Acht Frauen im Alter zwischen Anfang dreißig und Anfang sechzig sitzen in einem Kreuzberger Kunstatelier über den ganzen Raum verteilt, ihrem T-Shirt gegenüber. Das T-Shirt ist aus Papier und hängt am Fenster, an der Ziegelwand oder an der Brust einer der zwei Buddhastatuen, die hier in der Ecke stehen. Im Ofen lodert ein Feuer, an der Wand hängen abstrakte Bilder in Blaugrün und Rot. Die Frauen notieren ihren stummen Dialog - zu hören sind nur die Stifte, die übers Papier streichen, und das Plätschern eines Zierbrunnens. Das Shirt hat offenbar viel zu sagen. Über Kindheitsträume und Elterndruck, über innere Ängste und Glück. Es ist Samstagmittag, Halbzeit des Wochenendseminars über Poesietherapie. Poesie was? Ingeborg Woitsch ist es gewohnt, in skeptische Gesichter zu blicken, wenn sie über ihre Arbeit erzählt. "Viele haben einen süßlichen, romantischen Begriff von Poesie", sagt die 45-jährige Kursleiterin. Sie schult derzeit acht Frauen an vier Wochenenden in Poesietherapie. Viele von ihnen haben eine therapeutische Ausbildung und wollen neue Techniken in ihrer Arbeit nutzen, andere suchen Hilfe für sich selbst. Das Wort Poesie kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie "schöpferisch-kreativ tätig sein", aber auch "etwas verfestigen". Also alles rauslassen aufs Blatt und dann sortieren, interpretieren, weiterverarbeiten. Schreiben als Heilmittel. Das kann die gleiche Wirkung haben wie ein gut abgestimmtes homöopathisches Mittel, sagt Ingeborg Woitsch. Bei Depressionen, Essstörungen, körperlicher Erkrankung, Trauer kann die Poesietherapie helfen. Die Methode kam in den sechziger Jahren aus den USA nach Deutschland und ist hier immer noch ein wenig exotisch. Aber die Sehnsucht nach Sprache wächst, je mehr sie im Alltag verkümmert. Viele Kinder haben immer größere Probleme, sich auszudrücken. Kommunikation per SMS und E-Mail ist nur noch auf schnellen Austausch beschränkt. Poesietherapie ist auch Kulturarbeit. Im Seminar geht es vor allem um Selbsterfahrung. "Zum Glück haben Goldfische keine Flügel", "Zum Glück bin ich die Tochter des Universums", "Zum Glück bin ich nicht Artistin geworden", "Zum Glück weiß ich mit meinen Leben nichts anzufangen". Alles Sätze, die nun auf den Papier-Shirts prangen. Sie stammen aus einer Übung, in der die Frauen mindestens eine Seite mit Sätze voll schreiben sollen, die alle mit "Zum Glück" beginnen. Man soll nicht zu viel darüber nachdenken, hat die Seminarleiterin vorher empfohlen, am besten, alles aufschreiben, was einem in den Sinn kommt, auch wenn es auf den ersten Blick gar keinen Sinn hat. Acht Stifte fahren schwungvoll in Pink, Orange oder Türkis übers Blatt, eine Seite ist rasch gefüllt. "Soll der Satz gut klingen oder etwas mit mir zu tun haben?", fragt eine Frau. Letzteres, sagt Ingeborg Woitsch. Als sie fertig sind, folgt die nächste Aufgabe. Die Kursteilnehmerinnen sollen aus ihren Zum-Glück-Sprüchen einen fürs T-Shirt auswählen und mit farbigem Papier das passende Shirt dazu schneidern. Farbe und Form, Spruch und Platzierung auf dem T-Shirt werden anschließend von den anderen interpretiert, ebenso der Ort, an dem das T-Shirt im Raum aufgehängt wurde. Alles kann hier eine Bedeutung haben. Ein Shirt ist tailliert gestaltet mit hohem Kragen und gezackten Ärmeln. In leuchtendem Gelb wurde der Spruch "Zum Glück führt mich das Schreiben zu mir" über die ganze Vorderseite geschrieben. Die Frauen stehen vor dem T-Shirt, das an der Ziegelwand hängt. Wie Besucher einer Ausstellung. "Die gezackten Ärmel, die grenzen von der Außenwelt ab", sagt eine der Frauen. Eine findet, dass die gelbe Farbe optimistisch und fröhlich wirkt. Der Spruch sei sehr zielgerichtet, sagt eine andere. Die Frauen kommen aus Berlin, Kiel, Lübeck, Rostock, Leipzig, Jena und Wien. Eine Psychologin ist dabei, eine Heilpädagogin, eine Krankenschwester, andere arbeiten in der Sterbebegleitung, in der Jugendfürsorge oder an der Uni. Einige von ihnen kennen sich schon von anderen Schreibkursen, andere sind neu dabei. Stefka Meyer ist eine 34-jährige Werbetexterin aus Leipzig. Ihre Haare sind hennarot getönt, sie macht das Poesieseminar "mehr für mich" , wie sie sagt. Sie will die Schreibtechniken nutzen, um sich selbst besser zu verstehen und Lösungen zu finden, wenn es ihr schlecht geht. "Schreiben bringt so vieles in Fluss, es hilft, zur Ruhe zu kommen und das richtige Maß zu finden." Vergangenen Herbst ist Stefka Meyer jede Woche von Leipzig nach Berlin gefahren, um bei Ingeborg Woitschs Schreibwerkstatt mitzumachen. "Es hat mich jedes Mal richtig beflügelt", sagt sie. Ingeborg Woitsch bietet seit 1990 Schreibkurse an, seit zwei Jahren gibt sie ihr Wissen in Poesietherapie weiter. Vieles davon hat sich die gelernte Buchhändlerin und Germanistin autodidaktisch angeeignet, als Mitbegründerin der Künstlerwerkgemeinschaft Arche Nova sammelte sie Erfahrungen mit Menschen in Krisensituationen. Daneben besuchte sie Kurse am Institut für kreatives Schreiben in Berlin und absolvierte eine psychosomatische Grundausbildung im Krankenhaus Havelhöhe. Dort hat sie jahrelang Poesietherapie bei Patienten angewandt, inzwischen arbeitet sie auch in Schreibwerkstätten mit Behinderten. Jetzt kündigt Ingeborg Woitsch die nächste Übung an. Die Frauen sollen den schriftlichen Dialog mit ihren T-Shirts führen. Das soll Distanz bringen und damit neue Sichtweisen. Bei einigen Frauen will das Shirt nicht so recht reden, bei anderen hört es gar nicht auf. Es ist still im Raum, niemand sagt mehr etwas, man sieht nur die Blicke, die vom T-Shirt zum Schreibblock hin- und herwandern. Bei einer Frau hat es zum Anfang nicht so richtig geklappt. Das T-Shirt hat sich nicht auf ein Gespräch eingelassen, berichtet sie, als die Übung beendet ist. Zumindest nicht über das, worüber sie reden wollte. Aber zwischen all dem Geplauder über Form und Farbe sei plötzlich etwas hochgekommen, "wie ein Stück Treibholz", sagt sie. Die Berlinerin sitzt auf einem Holzstuhl über ihr hängt ihr T-Shirt an der Wand. Ihre Bewegungen sind fahrig, sie wirkt aufgewühlt. Immer wieder schiebt sie ihre schwarze Brille die Nase hoch und kämpft gegen die Tränen an. Sie hat eine Gelenkerkrankung. Manchmal kann sie kaum gehen, erzählt sie. Sie war schon bei vielen Ärzten, und hat Angst, sich zwischen all den Diagnosen und Ratschlägen zu verlieren. Das Schreiben hilft, "mir selbst auf der Spur zu bleiben und die Umklammerung des Schreckens zu lösen", sagt die 44-Jährige. Seit ihrer Kindheit nutzt sie das Schreiben, um Dinge zu verarbeiten. Jetzt kann sie dadurch auch reflektieren: Was machen die Ärzte mit mir? Will ich das? Was will ich eigentlich? Die Hemmungen sind bei der Schreibtherapie geringer als beim Malen oder gar Tanzen, hat Sina Kirchner-Paap beobachtet. Die 40-Jährige arbeitet in Rostock als Krankenschwester in der Psychosomatik und möchte dort eine Schreibgruppe einrichten. "Gerade Menschen, die eher zurückhaltend sind, sagen beim Schreiben: Ach so, ja, das kann ich." In der Klinik sei das Interesse an der Poesietherapie groß, das Unwissen aber manchmal auch. "Da ist doch diese Schwester, die irgendwas mit Worten macht, so rumphilosophiert", hieße es schon mal bei Kollegen und Vorgesetzten. Was für manche albern klingen mag, ist für die Kursteilnehmerinnen Seelenwerkzeug. Im Stuhlkreis vor dem lodernden Ofen erzählen sie sich von Verlustängsten, Liebeszweifeln und der Frage nach dem Glück. Die T-Shirts hängen an der Wand, über den ganzen Raum verteilt, aber sie reden nicht mehr.
Alles rauslassen aufs Blatt und dann sortieren, interpretieren, weiterverarbeiten, rät die Kursleiterin. Schreiben als Heilmittel.




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Dem Vergangenen: Dank,
dem Kommenden: Ja!

Dag Hammarskjöld




TÄGLICH


Ich liebe das Leben
und das Leben liebt mich




Wir schweigen das Erlebnis ...

Wir schweigen das Erlebnis, und es ist ein Stern, der die Bahn wandelt. Wir reden es, und es ist hingeworfen unter die Tritte des Marktes ... Aber so gerade ist es mit uns: Wir müssen reden, um das Unsagbare hinzusetzen nicht als ein Ding zu den Dingen der Erde, sondern als einen Stern zu den Sternen des Himmels.

Martin Buber




Ich bekenne,

dass ich das Leben für ein Ding von der unantastbarsten Köstlichkeit halte und dass die Verknotung so vieler Verhängnisse und Entsetzlichkeiten mich nicht irre machen kann an der Fülle und Güte und Zugeneigtheit des Daseins.

Rainer Maria Rilke




Johann Wolfgang Goethe: "Wahlverwandtschaften"

Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge gefassten Ziel abgelenkt, um ein höheres zu erreichen! Dem Reisenden bricht unterwegs zu seinem höchsten Verdruss ein Rad und er gelangt durch diesen unangenehmen Zufall zu den erfreulichsten Bekanntschaften und Verbindungen, die auf sein ganzes Leben Einfluss haben. Das Schicksal gewährt uns unsere Wünsche, aber auf seine Weise.




Mahatma Ghandi

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht.




Erich Fromm

Die Geburt ist nicht ein augenblickliches
Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang.
Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren
zu werden, und seine Tragödie, dass die
meisten von uns sterben, bevor sie ganz
geboren sind. Zu leben bedeutet, jede
Minute geboren zu werden.
Der Tod tritt ein, wenn die Geburt aufhört.